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Actofive P-Train CNC im ersten Test: Der Mountainbike-Sport ist 2020 langsam aber sicher im Mainstream angekommen. Das freut nicht nur die Branchenriesen, sondern auch viele kleine Manufakturen, die ganz besonders in Deutschland aktuell aus dem Boden sprießen. Für besonders viel Aufmerksamkeit hat die kleine Dresdner Schmiede Actofive gesorgt. Die haben mit ihrem P-Train CNC das Hype-Check-Heft 2020 geflissentlich abgehakt: Das 29″-Trailbike wird zu 100 % gefräst, verfügt über einen HPP-Hinterbau mit Kettenumlenkung sowie 135 oder 145 mm Federweg und kann sehr variabel angepasst werden. Wir konnten es bereits einen Nachmittag lang testfahren!
Betrachtet man das neue Actofive P-Train CNC, weiß man gar nicht so genau, wohin man seine Blicke zuerst lenken soll – so ziemlich alles an dem Rad ist höchst unkonventionell! Das größte Highlight ist sicherlich, dass der komplette Rahmen inklusive aller Kleinteile von Actofive in Dresden aus hochfestem Aluminium gefräst wird. Der Hauptrahmen besteht dabei aus zwei Hälften, die miteinander verklebt werden. Dann wäre da noch der progressive Eingelenker-Hinterbau, der dem neusten Schrei im MTB-Business folgt und über einen hohen Drehpunkt mit Kettenumlenkung verfügt. Das soll eine sehr gute Antriebsneutralität mit extremer Schluckfreudigkeit und gutem Überrollverhalten kombinieren. Final wurde auch an eine hohe Anpassbarkeit gedacht: Das P-Train CNC verfügt über einen unauffälligen Flipchip, wird mit mehreren Steuersatz-Schalen ausgeliefert und kann als 29er oder Mullet-Bike sowie mit 135 oder 145 mm Federweg gefahren werden. Ab Dezember 2020 ist das neue Actofive P-Train CNC vorbestellbar, die Lieferzeit liegt dann bei etwa 12 Wochen. Ohne Dämpfer kostet der edle Rahmen stolze 3.990 €.
Allein mit den Details über den CNC-gefrästen Rahmen könnte man schon mehrere Artikel füllen. Wie kommt man überhaupt auf die verrückte Idee, einen kompletten Fahrrad-Rahmen zu fräsen? Naja, wenn man eben früher mal Teilhaber eines Herstellers für CNC-Fräsmaschinen war, nun Geschäftsleiter eines Ingenieur-Büros mit Expertise in der Entwicklung und Konstruktion gefräster Bauteile ist, das zudem noch eine Portalfräse beeindruckenden Ausmaßes in seinen Räumlichkeiten stehen hat, und außerdem leidenschaftlich gerne Mountainbike fährt … dann erscheint das Ganze eigentlich nur konsequent und logisch! All das trifft auf Simon Metzner zu, dem Kopf hinter der jungen Marke Actofive.
„Als Mountainbike-affiner Ingenieur oder Techniker ist es doch immer so, dass man irgendwann anfängt, sich seine eigenen Skizzen zu machen – ich glaube, das kennt jeder!“ – Simon Metzner
Klar ist allerdings auch: So ein komplexes Teil wie einen Fahrrad-Rahmen tippt man nicht eben mal vorne ins Bedienpult ein und ehe man sich versieht, fällt hinten der Rahmen heraus. Stattdessen hat Simon bereits seit 2018 an dem Projekt gearbeitet und ist in mehreren Schritten vorgegangen. Der allererste Prototyp bestand noch komplett aus verschweißten Stahlrohren und verfügte lediglich über selbst gefräste Umlenkungen und Kleinteile. Es folgte ein gefräster Hinterbau, der mehrfach überarbeitet wurde, und 2020 nun der gefräste Rahmen. Ohne seine Erfahrung als Konstrukteur, aber auch als Fertiger – immerhin war er mal in der Geschäftsleitung eben der Firma, auf deren Maschine das P-Train CNC nun entsteht, – wäre die Umsetzung trotzdem kaum möglich gewesen, so Simon Metzner. Die beste Idee ist eben wenig wert, wenn sie sich auf der Maschine entweder gar nicht oder nur mit viel Aufwand – beispielsweise langsamen Vorschüben, speziellen Werkzeugen oder ständigem Umspannen – umsetzen lässt.
Wie bereits erwähnt, besteht der Hauptrahmen aus zwei Hälften. Diese werden zusammen über etwa 13 Stunden aus zwei 16 Kilo schweren Block Alu gefräst. Einmal eingerichtet läuft das Programm jedoch mannlos und über Nacht. Anschließend fügt Simon selbst die Hälften zusammen. Dazu verwendet er insgesamt drei Schrauben, die jedoch sehr gut unter der Anlenkung sowie dem Leitungseingang am Steuerrohr versteckt sind, und einen hochfesten Industrie-Kleber. Ein ähnliches System wird seit einigen Jahren von der finnischen Firma Pole eingesetzt. Außerdem greifen die Rahmenhälften im Inneren formschlüssig ineinander – Simon zufolge könnten sie sich also selbst beim vollständigen Lösen der Klebeverbindung nicht voneinander trennen. Da eigenen Angaben zufolge jedoch jeder Zentimeter geklebte Rahmenkontur 2.000 N (etwa 200 kg) an Zug- und Scherkräften aushält, erscheint dieses Szenario eher unwahrscheinlich.
Der Hinterbau wiederum besteht ebenfalls aus zwei Hälften, die allerdings miteinander verschraubt sind. Deshalb sind auch die Ketten- und Sattelstreben auf der Innenseite offen und präsentieren ihr formschön ausgefrästes Fachwerkmuster. Der Hinterbau ist jedoch nicht nur wegen der vielen feinen Frässpuren spannend – eine Hälfte ist übrigens 9 Stunden auf der Fräse und entsteht aus einem 4,5 kg Alu-Block. Auch die Konstruktion und Kinematik sind zwar nicht ganz neu, aber doch eher selten. Actofive setzt hier nämlich auf das vor allem im Downhill World Cup mittlerweile bekannte High-Pivot-Point-System (HPP). Zu Deutsch: ein abgestützer Eingelenker mit einem sehr hohen Drehpunkt und Umlenkung der Kette. Durch den hohen Drehpunkt weicht das Hinterrad Hindernissen stark nach hinten aus, wodurch das Rad viel Geschwindigkeit durch ruppige Passagen mitnehmen soll. Das führt allerdings auch zu einer starken Längung der Kettenstrebe (18 mm) und damit Zug auf der Kette und Pedalrückschlag. Hier kommt nun die Umlenkrolle ins Spiel, welche die Kette nahe am Drehpunkt entlangführt. Dadurch längt sich der unter Zug stehende Teil der Kette kaum noch und Pedalrückschlag spielt quasi keine Rolle mehr.
Hier seht ihr die Funktion des HPP-Hinterbaus:
Actofive P-Train CNC – So funktioniert der High-Pivot-Hinterbau von Gregor – Mehr Mountainbike-Videos
Das Actofive P-Train CNC wird sowohl mit 135 als auch 145 mm Federweg am Heck angeboten und bietet eine stark progressive Federkennlinie. Dadurch ist das Trailbike quasi prädestiniert für den Einsatz mit einem Stahlfederdämpfer. An der Front werden dementsprechend 140 bis 160 mm-Federgabeln verbaut. Für das Auge unsichtbar versteckt sich zudem ein Einsatz am Hauptdrehpunkt, der ausgetauscht werden kann. Dadurch lässt sich beispielsweise die Kettenstrebenlänge oder Tretlagerabsenkung leicht beeinflussen – oder eben ein 27,5″-Hinterrad einbauen. Neben sämtlichen, laserbeschrifteten Kappen, Abdeckungen und Achsen fertigt Actofive auch die Steuersatzschalen selbst und bietet hier verschiedene Winkel-Versionen an, welche die Anpassbarkeit des CNC-Bikes weiter erhöhen. Das Konzept trägt bei Actofive den Namen „Adjustable Ride°“. Weiterhin lässt sich die Lage der Umlenkrolle in zwei Positionen verschieben – Trail mit 140 % Antisquad und DH mit 160 % –, was vor allem Einflüsse auf die Treteffizienz und den Pedalrückschlag hat.
Es werden insgesamt drei verschiedene Rahmengrößen des Actofive P-Train CNC angeboten, die S1, S2 und S3 genannt werden. Die Geometrie fällt modern, aber nicht extrem aus. So liegen die Reach-Werte zwischen 455 und 505 mm, der Lenkwinkel im neutralen Setting bei 65°. Durch die austauschbaren Steuersatzschalen kann er jedoch um 0,75° oder 1,5° steiler oder flacher gemacht werden. Die Kettenstreben sind mit 423 mm ziemlich kurz, messen jedoch im Sag bereits 434 mm und am Ende des Federwegs 441 mm. Durch eine Verschiebung des Hauptdrehpunktes nach hinten können die Kettenstreben jedoch 7 mm länger gewählt werden. Das Tretlager ist je nach Setting um 29 mm oder 34 mm abgesenkt und so trendig tief, lässt aber noch etwas Pedalierfreiheit. Die Stack-Werte liegen je nach Größe zwischen 618 und 636 mm, was für ein 29″-Trailbike nicht extrem hoch ist, aber die meisten Vorlieben bedienen sollte. Schön ist zudem der 77° steile Sitzwinkel, der sich auch bei sehr viel Sattelauszug kaum ändert – schließlich durchstößt das Sattelrohr beinahe das Tretlager.
Das Actofive P-Train CNC wird vor allem als Rahmen oder Rahmen-Dämpfer-Set verkauft. Bei letzterem hat man die Wahl zwischen dem standardmäßigen EXT Storia Lok V3 mit Custom Tune oder dem Cane Creek Double Barrel und Fox X2 als Stahl- oder Luftvariante sowie dem Öhlins TTX2 Air oder TTX22M. Zudem können viele Komponenten von anderen Dresdner Herstellern wie Beast Components, Riesel-Design oder Light Wolf bezogen werden.
Unser Testbike war durchaus edel ausgestattet. An der Front sorgte die noch recht neue und edle EXT Era-Federgabel mit 160 mm Federweg für Grip, hinten verrichtete ein Fox DHX2 Factory-Stahlfederdämpfer sein Werk. Der Antrieb stammte aus den Hause SRAM, Magura MT Trail Sport-Bremsen verzögerten das Rad und eine Bike Yoke-Sattelstütze sorgte für die passende Sattelhöhe. Laufräder und Cockpit bestanden aus Carbon und stammten von Beast Components, bei den Reifen kamen vorne ein Maxxis Highroller II und hinten ein schnell rollender Aggressor zum Einsatz. Insgesamt lag das Gewicht so bei etwas über 14 kg.
Wir haben Actofive im November höchst persönlich besucht – natürlich unter strenger Einhaltung aller Abstands- und Hygiene-Regeln – und konnten das P-Train CNC dabei etwa zwei Stunden lang auf den abwechslungsreichen Trail in der Dresdner Heide exklusiv testfahren. Das ersetzt natürlich keinen vollständigen Test, lieferte jedoch einige spannende erste Eindrücke. Unser Testbike war ein Rahmen in Größe S2 im neutralen Flipchip- und Steuersatz-Setting sowie mit 135 mm Federweg am Heck und 160 mm Federweg an der Front. Die Umlenkrolle befand sich im DH-Setting.
Bei einem so exquisiten Rad rechnet man beim ersten Aufsitzen eigentlich mit irgendeiner ganz neuen und unvorstellbaren Sensation. Stattdessen müssen wir nach wenige Meter bereits zugeben – wir fühlen uns wirklich wohl! Die Geometrie wirkt ausgewogen und man sitzt dank steilem, aber nicht zu steilem Sitzwinkel schön zentral und kann in aller Ruhe pedalieren. Dabei ist zwar ein sehr leichtes Wippen zu spüren. Das ist jedoch vor allem auf den sensiblen Stahlfederdämpfer sowie die DH-Position der Umlenkrolle zurückzuführen. Die Antriebseinflüsse sind trotzdem marginal – im Trail-Setting liegt der Antisquad laut Entwickler sogar bei 160 %. Erst im Wiegetritt verstärkt sich dieser Effekt durch die stärkere Verlagerung des Körpergewichts etwas und sensible Fahrer könnten zum Dämpfer-Lockout greifen. Gerade in steilen Anstiegen, an denen das Heck etwas stärker einsackt, tritt sich das Actofive extrem ruhig und man hat das Gefühl, trotz zusätzlicher Umlenkrolle sehr effizient nach vorne zu kommen. Als spritzig würden wir das Rad dennoch nicht gerade bezeichnen – und das liegt vor allem am Gewicht. Mit 4 kg Rahmengewicht wird man Probleme bekommen, das Rad als absolutes Fliegengewicht aufzubauen. Mit einem Luftdämpfer und einer leichteren Trail-Federgabel lässt sich jedoch noch einiges einsparen.
So richtig gespannt ist man natürlich auf die Abfahrt, denn vor allem hier soll der HPP-Hinterbau glänzen. Die Trails in der Dresdner Heide sind zwar äußerst kurz, dafür aber abwechslungsreich und dank einiger Wurzelpassagen und einem eher unberechenbaren Sandboden durchaus spaßig. Und obwohl Simon vor uns direkt ordentlich Gas gibt, sind wir wieder erstaunt, wie schnell wir uns auf dem ungewöhnlichen Gefährt wohlfühlen. Man steht richtig schön mittig im Rad, was neben der ausbalancierten Geometrie wohl auch am sehr zentralen Gewicht liegt. Das macht Mut, direkt ordentlich in die sandigen Kurven reinzuhalten. Hier fällt die Längung des Hinterbaus nicht wirklich auf. Dafür bietet das progressive Heck viel und frühzeitig Gegenhalt und neigt nicht sonderlich dazu, unter Druck wegzusacken.
Wir haben auch extra den ein oder anderen Abstecher in kürzere, ruppige Passagen gemacht. Hier fühlte sich das Trailbike tatsächlich nach mehr Federweg an, als es auf dem Papier hat – was nicht zuletzt daran liegt, dass auch mehrere aufeinanderfolgende Kanten nicht gereicht haben, um das Ende der Kolbenstange zu erreichen. Allerdings haben wir uns hier aufgrund der kurzen Testdauer komplett auf das von Simon Metzner gewählte Setup verlassen und bräuchten definitiv mehr Zeit, um das Actofive P-Train CNC im Grenzbereich zu testen. Hier ließe sich möglicherweise auch noch etwas mehr Agilität aus dem Rad herauskitzeln: vor allem bei kleine Bunnyhops oder Offcamber-Linien hatten wir das Gefühl, dass das Rad sehr viel Input und Zug braucht, um den Boden zu verlassen. So oder so gibt es jedoch definitiv leichtere und aktivere Trailbikes. Einmal in der Luft fliegt das P-Train jedoch sehr ruhig und schluckt auch ruppige und vermasselte Landungen locker weg.
Unsere ausgiebige Probefahrt auf dem Actofive P-Train CNC in Dresden ersetzt keinen echten Test, lieferte jedoch sehr spannende erste Eindrücke. In Sachen Geometrie hat Actofive den Nagel auf den Kopf getroffen und ein Rad erschaffen, das sich schon nach äußerst kurzer Zeit ausbalanciert und vertraut anfühlt. Dank progressivem HPP-Hinterbau und potentem Fahrwerk wildert das 29"-Trailbike schon fast im Enduro-Terrain – mit der 145 mm Federwegs-Option dürfte das umso mehr gelten. In Sachen Gewicht und Agilität kann das gefräste P-Train zwar nicht mit der hochpreisigen Konkurrenz mithalten. Dafür lässt das Aussehen Fräsfans das Wasser im Mund zusammenlaufen und sorgt für mehr als einen neidischen Blick auf den Trail!
Was sagt ihr zum komplett in Dresden gefertigten und gefrästen Trailbike?
Wir konnten das Actofive P-Train CNC einen Nachmittag lang auf den sandigen Trails in der Dresdner Heide fahren. Diese bieten zwar nicht sonderlich viele Höhenmeter, fordern dank ständigem Auf und Ab jedoch einen guten Mix aus Schluckfreudigkeit und Antriebseffizienz und bieten die ein oder andere technische Herausforderung.
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